Brügge: Prickelndes Bier, zarte Pralinchen und Aussicht für Verliebte

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Wenn man nicht schon verliebt ist, verliebt man sich spätesten in Brügge – und das im doppelten Sinne, denn man verknallt sich schon nach den ersten Schritten entlang einer Gracht hoffnungslos in diese Stadt. Wenn man dann auch noch die richtige Begleitung dabei hat, mit der man sich beim Pralinen-Shop-Hopping vergnügt, sich bei wärmendem Sonnenschein im Ausflugsboot ganz eng aneinander drängt und durch die Grachten schippert, im Park rund ums Minnewater lauschig unter Bäumen sitzt und einem Straßenmusiker zuhört und sich abends dann auch noch ein Proefbord mit verschiedenen Bierspezialitäten teilt, dann will ich mal den von euch kennenlernen, der nicht spätestens am Ende eines solchen Tages unsterblich in diese Begleitung verschossen ist (egal ob ganz frisch oder wieder verliebt). Denn: Brügge ist nicht einfach nur die Stadt der Grachten oder der Pralinen, sondern eben auch die Stadt der Verliebten. Forget Venedig.

Highlights

Absolutes Must-Do: In die Brauerei De halve Maan (der Halbmond) gehen, dort eine Führung auf Englisch für schlappe 8 Euro mitmachen (Tickets vor Ort oder im Internet), dabei bis aufs Dach der Brauerei geführt werden und eine atemberaubend schöne Aussicht über Brügge genießen. Nach der Führung im gemütlichen Schankraum das Bier holen, das es zur Führung dazu gibt, bis ganz hinten durchgehen, sich auf eins der Sofas setzen und durch die Fenster, die direkt zur Gracht hin liegen, die vorbeifahrenden Boote mit verzauberten Touris beobachten – dazu unbedingt Käse bestellen und mindestens ein zweites Bier trinken (Highlight-Bier: Brugse Zot).

Hotel Ter Brughe von außen

Als große Belgien-Fans, die wir sind, konnten wir es einfach nicht länger ertragen, noch nie in Belgiens Venedig gewesen zu sein. Also suchten wir uns für Anfang November ein schönes Hotelzimmer mit Blick auf die Gracht (definitiv zu empfehlen: Hotel Ter Brughe, gefunden hier auf Booking.com,  mit gemütlichen Zimmern, kleiner Bar und tollem Frühstück; da der Frühstücksraum auf der Höhe des Wassers liegt, wird man beim Frühstück gerne von den Grachten-Schwänen beobachtet). Schon mal als Tipp vorweg, wenn ihr mit dem Auto anreist: Die Hotels in der Innenstadt von Brügge haben selten einen eigenen Parkplatz, daher sucht euch direkt ein öffentliches Parkhaus in der Nähe eures Hotels. Wir haben für 8,70 Euro pro 24 Stunden im Parkhaus Biekorf an der Bibliothek geparkt.

Eingang der Brauerei De halve Maan

Biertour im „halve Maan“

Wir hatten für 2 Nächte gebucht und direkt für den ersten Nachmittag im Internet Tickets für eine Führung in Brügges bekanntester Stadtbrauerei De halve Maan (siehe Highlight oben) klargemacht. Ein Ticket kostet gerade mal 8,50 Euro und lohnt sich allemal, denn darin enthalten ist nach der Führung auch noch ein leckeres Bier im Schankraum der Brauerei. Aber zunächst mal wird man von einer charmanten Belgierin durch die historischen Teile der Brauerei geführt und bekommt auf Englisch einen Abriss über die Geschichte der Familienbrauerei sowie über die Kunst des Bierbrauens. In unserer Gruppe war ein Amerikaner, der ständig Fragen stellte (so jemanden braucht einfach jede Gruppe) und sogleich von unserer Führerin als Spion bezeichnet wurde. Angeblich braute unser amerikanischer Freund aber nur „zuhause ein bisschen in der Garage“. Na dann Prost.

Führung durch die Brauerei

Wir stiegen im Laufe der Führung immer mehr steile Treppen hinauf (Flipflops und Stöckelschühchen zuhause lassen!), bis wir schließlich beim vorläufigen Highlight der Führung ankamen: Dem Dach der Brauerei. Bei herrlichstem Wetter erlebten wir einen wunderschönen Ausblick über die Dächer von Brügge, hier und da durchzogen von ein paar Dampfwölkchen, die vom schmauchenden Brauerei-Schornstein ausgestoßen wurden. Nachdem die ganze Gruppe begeistert ungefähr tausend Fotos und zusätzliche zweitausend Selfies geschossen hatte, traten wir den Abstieg an. Zwischendurch kamen wir vorbei an einer Novität – einem ganz bestimmten Rohr: Die Brauerei De halve Maan hat nämlich erst kürzlich eine Bier-Pipeline durch die Stadt verlegen lassen, und zwar von der Brauerei bis hin zu ihrer Abfüllanlage, die ein bisschen außerhalb des Zentrums von Brügge liegt. Der Grund: Sie hatten einfach keine Lust mehr, sich die ständige Maulerei der Einheimischen und der Touris anzuhören, die sich darüber beklagten, dass die Lkw mit den Bierfässern dauernd durch die engen Gässchen ruckelten, für Staus sorgten und das pittoreske Flair der Stadt damit maßgeblich verhunzten. Das Rohr, das uns präsentiert wurde, wirkte ehrlich gesagt sehr unspektakulär, aber der Gedanke einer Bier-Pipeline kam bei uns allen sehr gut an.

Aussicht auf Brügge vom Dach der Brauerei De halve Maan

Am Ende der Führung strömte unsere Gruppe in den riesigen Schankraum der Brauerei, um die Tickets gegen das versprochene Bier einzulösen. Uns gefiel es so gut, dass wir gleich noch ein bisschen Käse und ein zweites Bier bestellten. Herrlicher Auftakt!

Lieblingsbier Brugse Zoet

Nachdem wir uns bierseelig vom gemütlichen Sofa erhoben hatten, beschlossen wir, dass jetzt genau die richtige Zeit für Schokolade sei – und damit ist man in Brügge grundsätzlich mehr als richtig. Das Problem in Brügge mit den Pralinen: Es gibt einfach an jeder Ecke einen neuen tollen Schoko-Laden, so dass es schwerfällt, sich für einen zu entscheiden. Wir beschlossen also, überall ein bisschen einzukaufen, um später einen Vergleich zu haben. Die Verkäuferinnen in den Läden waren alle ausnahmslos nett und zauberhaft und fanden es vollkommen unproblematisch, dass wir immer nur 4 oder 5 Pralinen kaufen wollten. Tipp: Fragt unbedingt die Verkäuferin, welche ihre Lieblingspraline ist, und lasst euch davon eine geben – sie sollten schließlich am besten wissen, was bei ihnen gut schmeckt 😉

Ich, stolz mit meiner Beute

Irgendwann war unser Rucksack dann bis oben voll mit Pralinen, und wir zogen mit unserer Beute in den Park rund um den „See der Liebe“, dem Minnewater. Hier ließen wir uns im Sonnenschein auf einer Bank nieder, probierten eine Praline nach der anderen und lauschten den psychedelischen Klängen eines Steeldrum Players. Ich sag’s euch, ziemlich traumhaft.

Park am Minnewater

Essen und Trinken

Zum Abendessen hatten wir einen Tisch in einem ganz kleinen Restaurant namens Die Bühne reserviert. Ich hatte vorab nach vegetarischen Restaurants recherchiert, und das Die Bühne entpuppte sich als absoluter Volltreffer. Zwar wird hier auch Geflügel serviert, aber das war uns herzlich egal, denn das vegetarische 3-Gänge-Menü war eins der besten, die wir je hatten. Also, geht da unbedingt essen, auch wenn ihr Geflügel essen wollt. Die Preise sind absolut ok für die hohe Qualität des Essens, für den super netten Service der Besitzerin und für das ruhige, angenehme Ambiente in dem kleinen Laden.

Zum Ausklang besuchten wir noch ein paar Bierbars und Kneipen. Unser Favorit: Le Trappist. Dieser Gewölbekeller ist nicht nur super gemütlich (Tipp: an die Bar setzen, dann habt ihr alles im Blick), sondern hat auch eine riesige Auswahl an belgischen Bieren – so riesig, dass die Bierkarte ungefähr so dick ist wie die Bibel. Am besten bestellt ihr direkt mal ein Proefbord, ein Probierbrett mit 5 verschiedenen Bieren, die ihr in etwas kleineren Gläsern bekommt. Der Sinn des Ganzen: So könnt ihr euch durchprobieren und euren Favoriten finden, von dem ihr dann natürlich unbedingt noch ein großes Glas bestellen müsst.

Proefbord in der Bar Le Trappist

Le Trappist - uriger Gewölbekeller

Kreislauftraining und Entspannung auf dem Boot

Der Plan für den nächsten Tag war, den Belfried zu besteigen. Das mag jetzt zweideutig klingen, heißt aber einfach nur, dass wir Brügges mittelalterlichen Rathausturm erklimmen wollten. Nachdem wir unten ein bisschen anstehen und warten mussten, bis genügend Leute wieder rauskamen (damit sich in den engen Wendeltreppen-Gängen nicht zu viele Touris gegenseitig an die Wand quetschen), durften wir endlich rein – und hoch ging’s, Stufe um Stufe um Stufe. Also, ich habe vergessen bzw. verdrängt, wie viele Stufen es bis ganz nach oben sind, aber lasst euch gesagt sein, es sind einige. Da wir eigentlich in jeder Stadt irgendwelche Türme erklimmen und ich damit konditionell nie ein Problem habe (abgesehen von ein bisschen Schnauferei), war ich entsprechend geschockt, dass ich ungefähr nach der Hälfte schon ernsthafte Kreislaufprobleme hatte. Zu meiner Verteidigung: Ich war erstens nicht so ganz fit (erkältet und so), zweitens wurde der Turm nach oben immer enger, die Stufen schmaler, die entgegenkommenden Touris zahlreicher und die Luft dünner. Da half es auch nicht, als eine entgegenkommende Touristin gut gelaunt meinte: „Haha, the worst is yet to come!“

Brügger Belfried

Ausblick von ganz oben durch den Maschendraht

Nach zwei Dritteln hatte ich dann mitten im Treppenhaus einen Mini-Kreislaufzusammenbruch, was aber insofern nicht schlimm war, weil an dieser Stelle ein Raum mit einer zu bewundernden Glocke abging. Da habe ich mich dann einfach keuchend hingehockt und habe gewartet, bis Jens auch noch den Rest des Turms bezwungen hatte und mich dann wieder einsammelte. Im Nachhinein bin ich immer noch froh, mir das nicht gegeben zu haben, denn Jens und auch Freunde, die schon mal oben waren, berichteten unabhängig voneinander, dass die Stufen ganz am Schluss in eine in sich gedrehte Eisenleiter münden. Och nö.

Zufrieden, auch ohne ganz oben auf dem Belfried gewesen zu sein :)

Aber das soll jetzt nicht heißen, dass ihr da nicht hoch sollt. Die Aussicht ist zwar gar nicht so der Knaller, weil man dann doch nur durch Maschendraht guckt, aber allein schon wegen der Challenge ist es doch die Sache wert.

Auf zur Grachtenrundfahrt

Als wir so durch die Gassen von Brügge spazierten und die warme Novembersonne sich uns regelrecht aufdrängte, beschlossen wir ganz spontan, eine Grachtenrundfahrt zu machen. Das solltet ihr unbedingt auch machen, denn man sitzt in relativ kleinen Openair-Booten, wird gemütlich herumgeschippert und bekommt ein bisschen was zu den Gebäuden und Brücken erzählt. Wunderbar. Ist zwar natürlich typisches Touri-Programm, aber eins von der absolut feinen Sorte.

Mein Fazit

Überhaupt muss ich abschließend sagen, dass ich mich selten in einer Stadt, die doch regelmäßig (vor allem im Sommer) von Touris überschwemmt wird, nicht einmal irgendwie blöd abgefertigt, übers Ohr gehauen oder ungeduldig behandelt gefühlt habe. Aber das sind eben die Belgier: ein absolut freundliches und liebenswürdiges Völkchen, das auch noch ein paar der schönsten Städte Europas zu bieten hat – zum Beispiel Brügge 🙂

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